Hochsensibel auf Touren - Bedürfnis-Check auf zwei Rädern

Veröffentlicht am: 18. August 2025

Heimat-Experiment

Endlich wieder auf zwei Reifen. Die Wochen vor dieser Tour waren sehr turbulent gewesen und forderten ihren Tribut wie seit langem nicht mehr: Erschöpfung, Schlafstörungen, Gedankenkreisel und innere Unruhe hielten mein Nervensystem gehörig in Schach.
Zum x-ten Mal versuchte ich zu verstehen, wie es soweit kommen konnte, obwohl ich mich mittlerweile als Profi in Stressmanagement und gesunden Alltagsroutinen bezeichne und die jeweiligen Techniken seit mehreren Jahren umsetze.

Okay, den akuten familiären Einsatz mit Krankenhausfolgen hatte ich nun wirklich nicht voraussehen und prophylaktisch in mein Entspannungsprogramm integrieren können. Somit ordne ich den prekären Zustand zu meiner eigenen Entlastung in die Kategorie „höhere äußere Gewalt“ ein.

Da war er also wieder: dieser entscheidende „letzte Tropfen“, der sich in meinem Alltagsbottich auf die im Juli typische heiße Phase – vor allem im Job - draufgesetzt und es zum Überschwappen gebracht hatte.

Sei´s drum – endlich wieder in Bewegung! Schon nach den ersten Kilometern spürte ich, wie lösend muskelbetriebene Pedaldrehungen sein können – für meine eingeschlaffte Muskulatur, die über fünfzigjährigen Gelenke und Gehirnwindungen.

Die erste Nacht verbrachten wir – mein Mann und ich - mehr frierend als schlafend in unserem Zwei-Mann-Zelt auf einem Campingplatz in München. Der Haken: um auf den geplanten und ruhigen Abschnitt des Isar-Radwegs zu gelangen, mussten wir am nächsten Morgen zunächst diese knallvolle Großstadt kilometerlang durchqueren und uns durch Baustellen, Staus und Ampelschlangen quälen. Gleichzeitig wurden wir ausgebremst durch Eltern mit kita-transport-tauglichen und radwegbreiten Anhängern und hinterrücks bedrängt von ungeduldigen Gravelbike-Fahrern. Bereits nach einer halben Stunde war mein Nervensystem völlig überreizt. Dabei hatte ich mir es schon in meiner Urlaubsblase aus Vorfreude und dem nachlassenden Stresspegel gemütlich gemacht…

Nachdem die Innenstadthäuser endlich kleineren Wohngebäuden und damit ruhigeren Straßenblocks gewichen waren und die äußeren Reize nachließen, begann mein Hirn vollautomatisiert darüber nachzusinnen, was ich soeben alles erlebt hatte und wieso ich von Minute zu Minute wieder derart unter Stress und inneren Druck gekommen war.

Und so begann mein „Bedürfnis-Check“ auf zwei Rädern…

In solchen Momenten fällt mir immer zuerst der Name Maslow ein. Die sogenannte „Bedürfnispyramide“ von US-Gründervater der humanistischen Psychologie Abraham Maslow (1908 – 1970) dürfte mittlerweile vielen bekannt sein. In dieser stellt er eine Hierarchie aus menschlichen Grundbedürfnissen grafisch dar.

(1) An der Basis stehen die physiologischen Grundbedürfnisse (Schlafen, Essen, Trinken, Wohnen, Schmerzfreiheit, Sexualität), worauf sich die folgenden aufbauen:

(2) Sicherheitsbedürfnisse (Materielles, Beruf, Finanzen).

(3) soziale Bedürfnisse (Liebe, Beziehungen, Freundschaft, Gruppenzugehörigkeit)

(4) individuelle Bedürfnisse (Erfolg, Leistungsfähigkeit, Anerkennung, Status, Selbstwert)

(5) und an der Spitze: das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung.

Ein weiterer Ansatz stammt von Klaus Grawe. Er war Psychotherapeut und Psychologieforscher, der von 1943 bis 2005 in Deutschland und der Schweiz wirkte.

In seinem Ansatz beschreibt er – kurz zusammengefasst - die vier psychologischen Grundbedürfnisse von uns Menschen, die – je nach individuellem Charakter und emotionaler Persönlichkeitsstruktur - mehr oder weniger ausreichend erfüllt sein sollten, damit wir uns gut und leistungsfähig fühlen können:

(1) Bindung
(2) Orientierung und Kontrolle (Autonomie)
(3) Lustgewinn und Unlustvermeidung
(4) Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz

Seitdem ich von diesen beiden Ansätzen weiß, gehe ich sie gewohnheitsmäßig in Gedanken durch, sobald sich in mir unbehagliche Körpergefühle regen, die ich nicht sofort einordnen kann. Das hilft mir, mich selbst zu verstehen und zu erkennen, was ich verändern muss, um mich wieder besser zu fühlen. Ich übe mich darin, dies so rechtzeitig zu tun, bevor ich meinem Umfeld mit genervtem Gemotze und diffuser Gereiztheit auf den Wecker gehe.

Was habe ich also nach dieser morgendlichen Erfahrung über mich gelernt? Genauer: Welche Grundbedürfnisse waren in Mitleidenschaft gezogen worden?

(1) Physiologische Grundbedürfnisse

(2) Bedürfnis nach Kontrolle und Autonomie

Mein Tacho funktionierte kurz nach dem Start plötzlich nicht mehr. Das war aus zwei Gründen höchst ärgerlich:

(3) Bedürfnis nach Sicherheit (und Struktur)

Wer schon mal seine komplette Grundausrüstung für eine mehrtägige Reise in zwei Taschen gepackt und mit sich herumgefahren hat und plötzlich die Sonnenmilch sucht („Ganz sicher hatte ich sie in die Lenkertasche gesteckt“), der kennt das: ein anfängliches Gefühl der Lockerheit kann von einer Minute zur nächsten, die mit Suchen, Kruschteln, Kramen, Zerren verbracht wurde, zu einem lauten Verzweiflungsschrei führen. „Wo ist dieses verdammte Ding denn plötzlich? Ich hatte es doch…? Wieso ist es nicht da, wo ich dachte?“
Wenn das, trotz gekennzeichneter Plastiktüten und Boxen, mehrmals am Tag passiert, kann das schon mal zu Diskussionen führen und letztlich auch das Bedürfnis nach Bindung irritieren (weil das Gegenüber sich gegen deinen Motzton in ähnlicher Art zur Wehr setzt oder wenig hilfreiche Sätze ausspricht, die mit „hättest du halt…“ beginnen).

(4) Bedürfnis nach möglichst wenig Reizen

Möglichst wenig äußere Reize… dieses Bedürfnis lässt sich zwar nicht den oben genannten Modellen zuordnen, hat sich aber an jenem Morgen in der Stadt wieder in voller Ausprägung gezeigt: Ich gehöre zu den Menschen, die über sich selbst sagen, besonders „feinfühlig“ und reizempfindlich zu sein. Nicht, um mich mit irgendeiner herausragenden Eigenschaft hervorheben zu wollen, sondern weil mir das immer wieder viel Hilfreiches, z.B. individuelle Grenzen, zeigt. Es ermöglicht mir einen achtsameren Umgang mit mir und meinen Bedürfnissen. Damit fühle ich mich langfristig wohler.

Grelles Sonnenlicht am Morgen, die kratzende Radlerhose, der permanente Grundlärm von Automotoren, Fahrradklingeln, Martinshorn, Gehupe, Stimmengewirr, das Donnern der auf den Boden knallenden Baggerschaufel, Menschen, die mich am Weiterkommen hindern oder die verärgert über mich sind, weil ich sie am Weiterfahren hindere, Staub und Abgasgestank…
Dieses Sammelsurium an Reizen ist pures Gift für das Nervensystem feinfühliger Menschen. Der Unterschied wird vor allem deutlich, wenn ich mit weniger reizempfindlichen Personen unterwegs bin. Vielen scheint das Lärm-Dreck-Gestank-Gemisch kaum etwas anzuhaben, während das bei mir ungefiltert in mein System fließt, mich in Windeseile überfordert und mir für mehrere Stunden den Stecker zieht.

Was kannst du nun aus diesem Artikel mitnehmen?

Egal, ob du dich als feinfühlig bezeichnest oder nicht: Es lohnt sich, die beiden Ansätze von Maslow und Grawe näher anzuschauen und die wesentlichen Punkte zu verinnerlichen. So kannst du dich vielleicht in unangenehmen Situationen besser verstehen.
Indem du herausfindest, welches deiner Grundbedürfnisse in diesem Moment vernachlässigt ist, kannst du aktiv werden. Du kannst dafür sorgen, dass die Defizite schnellstmöglich wieder ausgeglichen sind.
So kommst du aus der Ohnmachtsfalle eines diffusen Körpergefühls heraus. Und du musst nicht erst stundenlang herumnöhlen und auf banale Fragen deiner Familienmitglieder gereizt reagieren. Die Menschen deines Umfelds werden es dir danken!

Wie ging die Tour weiter? Fünf Tage lang radelten wir hauptsächlich fernab von Großstädten, durch eine sommerliche österreichische Naturlandschaft. Wieder zurück im heimischen Garten fühle ich mich - trotz der körperlichen Anstrengungen - geerdet und erholt. In eine Melodie aus Vogelstimmen eingesäuselt, laufe ich zur Kaffeemaschine und hole mir meine dritte Tasse Kaffee…

Bildquelle: Pexels

Hinweis: Ohne KI und mit eigenem Hirn, Herz und Fingern geschrieben
Bildbeschreibung

Wenn Du die Geschichte hinter meinem Gesicht erfahren möchtest:

"Wer leben will, muss fühlen"