Veröffentlicht am: 07. März 2026

Berliner Bahnhof: Gedränge, Gedrücke, Küsschen – ich beobachte eine Frau mit ergrautem Haarzopf, die eine junge Pferdeschwanzträgerin umarmt: “Tschüss meine Große, bis bald”.
Die junge Frau erwidert für meine Ohren Unhörbares, kurz und knapp, ihr Gehirn scheint bereits mit den Folgegedanken beschäftigt, vielleicht bei Plänen mit den Freunden, dem nächsten Prüfungsstoff oder dem heimlichen Drang nach mehr Autonomie. Während sich die Jüngere dem Waggon zuwendet, laufe ich an der Mittfünfzigerin vorbei. Ich sehe, wie ihr jetzt die Tränen in die Augen steigen, die sie soeben noch tapfer zurückgehalten hat. Offensichtlich hatte sie darauf gewartet, bis sich die Tochter umdreht. Ich wage einen Blick in ihr Gesicht und sage solidarisierend: “Ja, das habe ich auch gerade hinter mir”.
Ein stiller Deal der Solidarität zwischen Müttern
Es war der Bruchteil eines geteilten Schmerzes zwischen Unbekannten, ein
stiller Deal zwischen Müttern, wo zuvor mit unserem erwachsenen Kind
geteilte Freude, großherzige Gesten, Frustausbrüche, schmeichelnde
Bitten, pragmatische Aufträge und praktische Hilfen herrschten.
Ja, mir war es im vergangenen Halbjahr auch schwergefallen, meinen
Erstgeborenen ins Leben gehen zu lassen. Überhaupt ging mir alles viel
zu schnell, als er uns innerhalb von wenigen Wochen eröffnete, dass er
sein Studium in Berlin, sechs Zugstunden entfernt, beginnen würde. Kurz
nach der Abifeier dachte ich noch, dass wir ausreichend Zeit haben
würden, um seinen Umzug in einen Ort zu planen, der damals noch vage
war. In meiner Vorstellung sah ich uns beide genervt und dennoch
innerlich verbunden durch die Möbelhäuser zu ziehen, nach aufregenden
WorkandTravel-Erfahrungen auf einem anderen Kontinent. Nun kam es
anders. Doch keinesfalls wollte ich ihm einen mütterlichen Keil vor die
riesigen Turnschuhe legen, zwischen ihn und den Drang, seine neu
gewonnenen Freiheiten auszuleben.
Heute - nach mehreren Monaten - habe ich mich mittlerweile an unsere temporäre Distanz gewöhnt. Mir gelingt es immer besser, darin auch die positiven Seiten zu sehen: meine zurückgewonnenen kleinen Freiheiten, die kostengünstige Bleibe beim nächsten Städtetrip sowie die Erfahrung, dass Gespräche trotz unzähliger Kilometer tiefer und näher am Herzen stattfinden und sich das gemeinsame Band sogar eher festigt als löst.
Bin ich die schlechtere Mutter?
Nein, bei unserem letzten Abschied am Bahnsteig habe ich, trotz etwas Wehmut, keine heimlichen Tränen verdrückt. Bin ich deshalb die schlechtere Mutter? Ist mir etwa mein Feingefühl abhandengekommen? Oder stimmt an unserer Beziehung etwas nicht mehr? Das hätte ich mich vor wenigen Monaten noch gefragt.
Doch mittlerweile sind diese Fragen überlagert durch eine reifere Erkenntnis:
Es ist die Gewissheit, dass ich meine Gefühle vor meinem Erstgeborenen weder verstecken noch mit Gute-Laune-Dauerschleife überspielen muss.
Wir haben nämlich im vergangenen Jahr, das durch viele Reisen, Verabschiedungen und Abstanderfahrungen geprägt war, etwas Entscheidendes gelernt: Wir dürfen uns beiderseits verletzlich zeigen.
Das konnte geschehen, weil es Menschen – Mütter, Väter, Freunde, Influencer und Fremde – in unserem Umfeld gibt, die sich ebenfalls trauen, ihre Gefühle vor anderen auszudrücken und über sie zu sprechen.
Dafür bin ich unendlich dankbar.
Hinter unserer Wut liegt häufig das Bedürfnis nach Liebe
Warum glauben wir Eltern so oft, dass wir vor unseren Kindern “stark” sein müssten? Bringen wir sie nicht gerade in solchen besonderen Momenten um die Chance, wahre und echte Zuneigung zu schenken? Ihnen gelebte Liebe zu zeigen, die im Alltag zwischen unseren ToDos so oft verloren geht oder irgendwo im Zoff missverstanden wird?
Wie oft verhalten wir uns in einem Streit wie Rumpelstilzchen, spucken einen lieblosen Satz aus, versuchen damit jedoch verzweifelt, unsere Verletztheit zu verstecken?
Vergessen wir dabei, dass hinter unserer Wut eigentlich unser Bedürfnis
nach Harmonie liegt? Und darunter die Angst, dass wir nicht mehr genug
von unseren Kindern oder Partnern geliebt werden?
Doch wie sollen unsere Kinder erfahren, dass jedes einzelne ihrer
Gefühle in Ordnung ist und ein Ventil braucht, wenn WIR es ihnen nicht
vorleben (können)?
Wieso dürfen sie nicht die aufkommenden Tränen in unseren Augen sehen, als Beleg, wie sehr wir sie lieben? Oder dass wir einfach traurig, besorgt oder frustriert sind? Ja, auch bei Vätern dürfen glitzernde Augen und zitternde Mundwinkel auftauchen! Wie entlastend könnte das für einen Sohn sein?
Wieso herrscht in so vielen Familien noch immer das verstaubte - vermeintlich -männliche Ideal des starken Ernährers, der jegliche prekäre Situation mit entschlossener Tatkraft zu kontrollieren hat?
Die Flucht in die digitale Welt erstickt die Lebendigkeit
Ich bin manchmal erschüttert über Beobachtungen in meinem Alltag, wie unbeholfen Väter in emotional aufgeladenen Situationen ihre Unsicherheit mit dem eigenen Kind zu überspielen versuchen:
Mein Sohn und ich wurden Zeugen eines Vater-Sohn-Frühstücks in einem Berliner Szene-Café: zunächst war ich verzückt über die beiden, den jungen Vater, höchstens 35 Jahre, und sein aufgewecktes Söhnchen im frühen Grundschulalter. Das Essen war noch nicht einmal auf dem Tisch, da sah ich den Kleinen bereits in ein aufgeklapptes Tablet auf schräge, hektisch-bunte Figuren starren; der Vater hatte seinerseits seinen Blick in ein Handydisplay mit bunten Kacheln und dahinterstehenden Dollarzeichen vertieft. Für einen Moment fror ich ein.
Wie bei meinen früheren Erfahrungen in Hotelrestaurants oder bei Busfahrten musste ich dem Impuls widerstehen, mit empörenden Worten den Vater auf dieses Erziehungsfehlverhalten hinzuweisen.
Wieso verzichtet der Mann auf diese wundervolle Vater-Sohn-Gelegenheit? Kein Blickkontakt, kein lustiges gemeinsames Buch oder fröhliches Kartenspiel? Stattdessen Gefühlstaubheit, vielleicht aus Unsicherheit, vielleicht aus Unvermögen, sich auf die Lebendigkeit eines kleinen Kindes einzulassen und die Überforderung zuzulassen… Die Lebendigkeit wird erstickt.
Mein Sohn tauschte einen eindeutigen Blick mit mir. Ich wusste, dass er mein inneres Beben wahrnehmen konnte. Alleine die Tatsache, dass er mich VERSTAND, genügte mir, um unseren eigenen Mutter-Sohn-Moment nicht zu zerstören.
Unsere Kinder brauchen Vorbilder, die Gefühle zeigen.
Zwei Dinge drängen mir ins Bewusstsein:
Dieser junge Vater konnte nicht besser handeln, weil es ihm vielleicht
niemand vorgelebt oder beigebracht hat. Somit bleibt ihm mit seinem Sohn
offensichtlich nur die Flucht ins Vertraute, in diesem Fall in die
vermeintliche Sicherheit der digitalen Blase.
Und: weder wir Mütter noch die Väter müssen unseren Kindern vorgaukeln,
dass wir unser Leben im Griff hätten, ganz im Gegenteil. Dadurch nehmen
wir unseren identitätssuchenden Kindern die Chance, uns nachahmen zu
können. Vielleicht zeigt sich die Gefühlsbereitschaft nicht sofort und
nicht überall, aber vielleicht in geschützter Zweisamkeit mit der
Freundin oder dem Freund.
Auf jeden Fall dürfen sie daran wachsen, indem sie immer besser lernen,
mit den Emotionen anderer und auch mit ihren eigenen umzugehen. Denn
daraus entsteht eine große Kompetenz: Mitgefühl mit anderen und sich
selbst gegenüber.
Vielleicht gäbe es weniger Trumps, Musks oder Putins in der Welt, wenn
Kinder und Jugendliche in ihren Eltern mehr echte Gefühlsregungen
erkennen dürften?